Arm trotz Arbeit

Was schätzen Sie: Wie viel verdienen Frauen in Deutschland?

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‘Menschen hautnah’ hat vier Frauen begleitet, die wissen, was hart arbeiten bedeutet und dabei nur wenig verdienen. Das kommt in Deutschland ziemlich oft vor.
Wir laden Sie ein, mal zu schätzen, wie die Situation für Frauen in Deutschland ist.

Im Video: Leerer Kühlschrank, Altersarmut und Krankheit: Susanne, Janina und Ulrike erzählen von ihren Ängsten.

EINKOMMEN

Frauen in einer Partnerschaft tragen in Deutschland so wenig zum Haushaltseinkommen bei wie in kaum einem anderen der 36 OECD-Länder (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Der durchschnittliche Anteil am Familieneinkommen beträgt in Deutschland 22,4 Prozent. In Dänemark sind es zum Beispiel 42 Prozent. OECD-Schnitt sind 33 Prozent.

Was schätzen Sie: Wie viele Frauen zwischen 30 und 50 haben ein eigenes Nettoeinkommen von über 2.500 Euro?

Deutschland hat OECD-weit als einziges Land ein Steuer- und Sozialsystem, das bei Familien mit schulpflichtigen Kindern Einverdienerhaushalte klar bevorzugt. So führt zum Beispiel das Ehegattensplitting dazu, dass verheiratete Frauen ihren Anteil am Familieneinkommen unterschätzen und Männer ihren überschätzen. Auf dieser Basis entscheiden Ehepartner über die Verteilung von Kinderbetreuung, Hausarbeit oder die Pflege von Angehörigen.

Im reichen Land Deutschland ist der Anteil der Frauen bei schlecht bezahlten Jobs hoch und bei gut bezahlten niedrig. Zwei Drittel aller ausschließlichen Minijobber in Deutschland sind Frauen. Darüber hinaus haben mehr Frauen als Männer neben ihrem Hauptjob noch einen Minijob.

Im Video: Ulrike ist studierte Opernsängerin, sie hat neun Jobs. Um Geld zu sparen, fährt sie am Tag bis zu 75km mit dem Fahrrad.

Knapp 15 Prozent der 30- bis 50-Jährigen sind geschieden oder leben getrennt. 3 von 5 Frauen verdienen weniger als 1.500 Euro und jede fünfte sogar weniger als 1.000 Euro netto im Monat. Vor allem Frauen, die während der Ehe nicht oder nur geringfügig erwerbstätig waren, haben nach der Scheidung (ohne neuen Partner) große Probleme, ihren Lebensstandard zu halten oder ihre eigene Existenz zu finanzieren. Immerhin jede fünfte geschiedene Frau schafft es, durch ihre Arbeit mehr als 2.000 Euro netto zu verdienen. Voraussetzung dafür in den meisten Fällen: Arbeiten gehen schon während der Ehe.

AUSBILDUNG

Woran liegt es, dass viele Frauen in Deutschland so wenig verdienen? 2017 arbeiteten in Deutschland 83 Prozent der Männer und knapp 75 Prozent der Frauen im Alter von 20-64 Jahren. Damit liegt die Quote der arbeitenden Frauen gut 10 Prozentpunkte über dem Durchschnitt in der OECD. Im Bereich Ausbildung haben sich in Deutschland die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in den vergangen Jahrzehnten stark verringert:

Was schätzen Sie: Wie viele Frauen zwischen 30 und 50 Jahren haben Abitur?

Unverändert groß sind jedoch die Unterschiede in der Studienfachwahl zwischen Frauen und Männern: 2009 entfielen zum Beispiel in Deutschland auf Frauen nur 16 Prozent der Uni-Abschlüsse in Informatik, dafür aber 70 Prozent im Gesundheits- und Sozialwesen. Die OECD hält dazu fest: “Diese Studienentscheidungen sind das Resultat unterschiedlicher Vorlieben und nicht geschlechtsspezifischer Begabungen.” Und sie bescheinigt Deutschland, dass “Bildung und Kompetenzen von Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht voll ausgeschöpft werden.”

Im Video: Sandra hat vier Kinder und einen Job, für den sie überqulifiziert ist. Sie findet es traurig, dass die Rollenverteilung in Deutschland oft noch so klassisch ist.

TEILZEIT

2016 hatten 46 Prozent der Frauen einen Teilzeitjob und 11 Prozent der Männer. Auch wenn sich der Anteil der arbeitenden Frauen in den vergangenen zehn Jahren erhöht hat, beruht der Anstieg fast allein auf mehr Teilzeitbeschäftigung. Die Zahl der vollzeitbeschäftigten Frauen hat sich im Grunde nicht verändert. Aber die Lücke zwischen den Teilzeitquoten beider Geschlechter hat sich deutlich vergrößert. Gleichzeitig wünschte sich 2015 in einer Umfrage des Familienministeriums jeder dritte Vater mehr Zeit mit den Kindern und die meisten Väter würden gerne weniger arbeiten. Trotzdem sieht es derzeit nicht so aus, als würde sich an der Verteilung der Erwerbsarbeit zwischen Mann und Frau viel ändern:

Mehr als die Hälfte der Frauen arbeitet wegen Kindern oder zu pflegenden Angehörigen Teilzeit. Was schätzen Sie: Bei wie vielen Männern ist das so?

Eine bessere Aufteilung der Kinderbetreuung ist ein wichtiger Faktor, wenn es darum geht, Frauen zu ermöglichen, voll in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Seit der Einführung des Elterngeldes nehmen Jahr für Jahr mehr Väter eine Auszeit für ihre Kinder. Bei Kindern, die 2015 geboren wurden, blieb jeder dritte Vater mindestens 2 Monate zu Hause. Insgesamt fehlt in Deutschland laut OECD vielerorts ein qualitativ hochwertiges und bezahlbares Betreuungsangebot.

Im Video: Janina hat in den Niederlanden gelebt. Sie findet, dass arbeitende Mütter dort mehr Wertschätzung erfahren. Zudem gibt es einmal in der Woche einen Papa-Tag.

ALTERSARMUT

Die Zahl der Stunden ist eine Voraussetzung für ein gutes Einkommen, aber nicht allein. Im Gegenteil zeigt sich, dass auch bei mehr Stunden Frauen systematisch nicht die Einkommen erreichen wie Männer. Ein erheblicher Anteil der Frauen verdient trotz Vollzeitjob nur ein Einkommen knapp über der Armutsgrenze. Denn viele Frauen arbeiten in schlecht bezahlten Jobs. Für viele Frauen ist es schwer, den Lebensunterhalt zu erwirtschaften und gleichzeitig Risiken abzusichern und fürs Alter vorzusorgen.

Bei Frauen zwischen 60 und 64 Jahren hat sich die Erwerbstätigenquote in den vergangenen Jahren verdoppelt: von 24,9 Prozent im Jahr 2007 auf 53,3 Prozent im Jahr 2017. Ein Blick auf den Verdienst im Verlauf des Lebens zeigt: Bis 30 steigt der Bruttoverdienst pro Stunde bei Männern und Frauen ähnlich an. Ab 30 - dann wenn Frauen im Schnitt zum ersten Mal Mutter werden - gehen die Kurven auseinander:

Den größten Unterschied bei den Bruttostundenlöhnen sieht man bei Männern und Frauen mit Ende 40. Hier bekamen Männer im Schnitt 38 Prozent mehr als die gleichaltrigen Frauen. Das wirkt sich auch auf das Alter aus.

Männer im Rentenalter bekamen 2016 in Westdeutschland im Schnitt 1078 Euro Rente. Was schätzen Sie: Wie hoch war die Rente bei den Frauen?

Dieses Rentengefälle ist das Größte in der OECD: “Zwei Drittel der deutschen Rentner sind Frauen, und die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen ist ein wesentlicher Grund dafür, dass 10 Prozent von ihnen in Altersarmut leben.”

Im Video: Susanne schätzt, dass ihre Rente im Alter nicht reichen wird: "Das ist dann der Dank für 40 Jahre Arbeit."


Team

Ein Film von Susanne Jäger

Daten-Recherche und Online-Text Patricia Ennenbach

Entwicklung: Christine Gotthardt, Marcus Weiner, Patricia Ennenbach

Design: Christine Gotthardt

Redaktion: Angela Jaenke

Bildquelle: WDR

Credits

"Was schätzen sie" beruht auf einer Vorlage der New York Times:

You Draw It: What Got Better or Worse During Obama’s Presidency

Marcus Weiner hat den Code für den WDR angepasst: Was schätzen Sie: Wie hat sich NRW unter Hannelore Kraft verändert? Github: Was schätzen Sie


Ein Dank an Mihael Ankers, der unseren Code erweitert und das Recht eingeräumt hat, ihn zu nutzen: Was schätzen Sie - mit Balkendiagrammen

Die Grafiken beruhen auf D3 von Mike Bostock:

D3.js - Data Driven Documents
Stand: 30.11.2018